Kein unbeschriebenes Blatt
Kein unbeschriebenes Blatt
Dreißig Gesichter. Dreißig Geschichten. Für die Straßenzeitung Trott-war habe ich die Männer und Frauen porträtiert, die sie täglich verkaufen – an festen Plätzen in der Stadt, bei jedem Wetter, auf eigene Rechnung.
Die Arbeit mit den Verkäufern war keine Kampagnenproduktion im üblichen Sinn. Ich suchte keine Symbole für Obdachlosigkeit. Ich suchte Menschen. Wer vor meiner Kamera stand, brachte sein Leben mit – sichtbar in Haltung, Blick, Haut. Keines der Porträts erklärt. Sie zeigen.
Trott-war existiert seit 1994, gegründet von Journalisten und Privatleuten, ohne öffentliche Zuschüsse. Das Prinzip ist einfach: Wer die Zeitung verkauft, verdient sein eigenes Geld. Fast hundert sozial benachteiligte Menschen nutzen diesen Weg zurück – in den Alltag, in Selbstverantwortung, in ein geregeltes Leben. Keine Transferleistung. Arbeit.
Der Claim der Kampagne lautet "Kein unbeschriebenes Blatt". Er sitzt. Jeder dieser Menschen hat eine Geschichte, die vor dem Absturz beginnt und danach weitergeht. Die Stuttgarter Zeitung schreibt: “Saylan hat diese Geschichten nicht erzählt. Er hat die Gesichter gezeigt, die sie tragen.”
Die Motive werden nach einer Ausstellung in einer Stuttgarter Galerie versteigert, ein Kunstband ist geplant. Alle Einnahmen gehen an Trott-war und die Verkäufer. Weitere Sponsoren werden gesucht. Realisiert wurde die Kampagne mit Unterstützung von Agencyteam und Ilg Außenwerbung.
Vor kurzem Erwarb die Kunststiftung Sammlung Klein aus Nußdorf eines der Bilder, die im Rahmen der Ausstellung Augenblicke neben Werken von Andy Warhol, Helnwein und anderen Künstlern zu sehen ist.

